Sonntag, 1. Mai 2016

Bonjour

... und will­kom­men! Als Dol­met­scher­in und Über­setz­er­in mit den Schwer­punkten Wirt­schaft, Po­li­tik, Kultur und Soziales arbeite ich in Berlin, Paris und dort, wo Sie mich brauchen. Hier schreibe ich (ver­all­ge­mei­nert) über den Be­rufs­all­tag.

caroline@adazylla.de, derzeit am besten 
unter +49(0)172 499 8902 erreichbar!
Ich biete Ihnen:
mehr als 15 Jahre Erfahrung
DOLMETSCHEN DE ⇆ FR und aus dem Englischen mit den Schwerpunkten Poli­tik, Kul­tur, Wirtschaft und Handel, Medien, Bildung und Soziales, EU-Se­mi­na­re, Kino-, Film- und Kul­tur­­wirt­­schaft, Luxusgüter, deutsch-fran­zö­si­sche Be­zie­hun­gen und Lan­des­kun­de, Ur­ba­nis­mus, (In­nen-)Ar­chi­tek­­tur, Li­te­ra­tur, Ge­schich­te Berlins und DDR, Afrika (Wirt­schaft/Soziales)
ÜBERSETZEN ins Deutsche (schrift­lich die stär­ke­re Sprache), z.B. Dreh­buch, Film­auf­nah­men, Webseite, Projekt, För­der­an­trag
— bei Konferenz, Filmdreh, Verhandlung usw.
— für Politiker (*), Wissenschaftler, Fir­men- und Pri­vat­kun­den, Filmmitarbeiter usw.
ZUSAMMENSTELLUNG von Kollegenteams

Ich berate persönlich per Telefon oder Mail, denn jeder Einsatz ist anders, jedes Thema besonders, kurz: Ihre Gäste und Kunden haben den besten Service verdient für das von Ihnen gezahlte Honorar, das bei uns Freiberuflern fast ausschließlich in die Arbeit fließt (da wir Marketing, Verwaltung und Management selbst machen und die Grundkosten gering halten).

Außerdem bin ich versiert in den Bereichen:

— Synchronbücher für Dokumentarfilm, Exposés (Rewriting), Untertitel, Übertitel (Theater)
— Audio­des­krip­tion für Sehbehinderte bzw. Untertitel für Hör­­geschädigt­e, Er­stel­lung und Lek­to­rat, in Zusammenarbeit mit einer langjährigen Regieassistentin
 — Texten, Rewriting und Recherche (Themen auf Anfrage). Als Autorin/Koautorin war ich bislang namentlich an vier Büchern beteiligt. 


Hier, zu welchen Inhalten ich 2015 und 2014 aktiv war sowie einige Referenzen.
Gerne erstelle ich ein kostenfreies Angebot! Über caroline[at]adazylla.de und mobil können Sie mich erreichen. Unabhängige Dolmetscher, keine Makler oder Agentur! Réseau d'interprètes indépendants, pas d'agence ! Paris, Berlin, Französisch, Deutsch, simultan, Konferenz, VIPs, Untertitel, Begleitdolmetschen, simultan, synchron, konsekutiv, conférence, français, allemand, Hambourg, Cologne, Munich, Paris, interprète de conférence et d'accompagnement, chuchotage, Drehbuchübersetzung, traduction de scénario.
(*) und selbstverständlich jeweils auch die -innen! +491724998902, 01724998902, +0049172 4998902
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Foto: Dr. des. Friederike Elias

Freitag, 29. April 2016

Auf dem Schreibtisch XXX

Hier bloggt eine Spracharbeiterin. Was Dolmetscher für Französisch (und Über­­set­zer) möglicherweise so umtreibt, können Sie hier mitlesen. Ich arbeite in Paris, Berlin, Schwerin unddort, wo Sie mich brauchen!

Langsam wird es wärmer, wobei der Kopf das mit der Kühle nicht so gemerkt hat. Die grauen Zellen haben schon jetzt zum Warmlaufen gebracht:

Frühling in Berlin
⊗ Migration, Integration, Gewerkschaften (jetzt steht die Nachbereitung an)
Geplante Obsoleszenz
⊗ Finanzkrise in Europa / Griechenland
⊗ Men­­schen­rech­te in Al­ge­ri­en
⊗ Arbeitsmarkt Frankreich
⊗ Strafrecht: kein schönes Thema
⊗ Französische Startups in Berlin
⊗ Hanf als Baumaterial
⊗ Kinoland Belgien
⊗ Paul Klee

Manche Themen sind (leider) Dauerbrenner, andere nur für den Mai relevant. Ich werde in Botschaften und Kulturhäusern, im Kino, beim Anwalt und in Wirt­schafts­un­ter­neh­men dolmetschen.

Foto rechts in der Mitte: Das neue Berlinsprech, hier wird (falsch ge­schrie­be­nes) Französisch, Deutsch, Italienisch und Englisch wild durcheinandergemischt.

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Foto: C.E.

Donnerstag, 28. April 2016

Nebenkosten

Bon­jour und guten Tag! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin und Über­set­ze­rin. Mein Kopf ist auf Französisch gepolt, außerdem dolmetsche ich immer wieder aus dem Eng­li­schen. Hier berichte ich über meinen Berufsalltag.

Zimtschnecke
Quelle: The Bread Station
Gestern wurde ich auf einen Job auf­merk­sam ge­macht, bei dem sich mir sämt­li­che Haa­re ge­sträubt ha­ben. Zwei Auf­ga­ben und kei­ne an­satz­wei­se nor­mal ver­gü­tet.

Ge­­bo­­ten wurde ein Sie­ben­tel mei­nes nor­ma­len Stun­den­sat­zes für rei­ne Schreib­­tisch­­ar­­beit, das geht gar nicht. Stun­den­sät­ze sind im­mer Ver­­hand­lungs­sa­che.

Aber ein sol­cher Preis für ei­nen Film­­auf­trag, dessen Ergebnis dann vermutlich kom­plett normal bei Öffent­lich-Recht­li­chens zu sehen sein wird, erfüllt leider den Tat­be­stand der Sittenwidrigkeit (in die hinein die Sender nicht selten den Be­rufs­nach­wuchs nötigen).

Auf Dumpinganfragen antworte ich normalerweise nicht. Das hier war echt zu hef­tig. Meine normale Antwort auf die Ausschreibung gestern wäre gewesen:
Sehr geehrte Damen und Herren, 
der von Ihnen angebotene Stundensatz entspricht meinen Nebenkosten an Ausgaben für schwarze Schokolade, dänische Zimtschnecken, Heizung und gute Musik, für die ich selbstverständlich bezahle. Für Profis mit einschlägiger Vorerfahrung rechnen Sie bitte ab 70 Euro die Stunde vor Steuern. 
Mit vorzüglicher Hochachtung usw.
Die Produktionsfirma ist noch jung, genießt Welpenschutz. Aber Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Natürlich berate ich auch zu den Kosten, z.B. in Sachen Übersetzung von Filmskripten und -projekten, fremdsprachiger Recherche, Dol­met­schen am Set und im Schnitt, Trans-Ü (statt Transkription gleich die Über­set­zung niederschreiben, siehe Ausschreibung von gestern) sowie Untertitel. Gerade die Übersetzung großer Mengen gedrehten Materials können Übersetzer und Dol­met­scher mit Diktiersoftware beschleunigen.

Am liebsten berate ich im Vorfeld, wenn die Kalkulation entsteht. Ich erledige sol­che Aufträge seit 15 Jahren, Beratung inklusive. Und wir alle haben mal an­ge­fan­gen.

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Foto: C.E.

Mittwoch, 27. April 2016

Mittelschicht

Willkommen auf den Logbuchseiten einer Französischübersetzerin und -dol­met­scher­in. Hier berichte ich aus Berlin, Paris, Cannes, Marseille, München, Hamburg oder Leipzig unter Wahrung dienstlicher Geheimnisse. Meine gewählte Pers­pek­ti­ve: entweder aus dem In­ne­ren der Dolmetschkabine oder direkt vom Schreibtisch.

Heute komme ich aus dem entsetzten Hechelschnaufen kaum heraus. Ich fühle mich angefasst und künftig in meiner Selbstbestimmung bedroht. Ich erkläre mich.

Kulturhaus A. in der Stadt B., bundesfinanziert, französische Kuratorin, ihr Englisch ist nicht so gut wie ihre Französischkenntnisse, sie lernt fleißig Deutsch. Eine Pres­se­kon­fe­renz steht an. Madame möchte sich in ihrer Muttersprache äußern. Es geht um einen einstündigen Einsatz. Ich biete eine kleine Variation von Honoraren an, wobei ich immer davon ausgehe, dass die Anzahl der Stunden zur Vorbereitung gleichbleibend ist. Ich rechne das transparent auf den Stundensatz runter, der im Durchschnitt bei 80 Euro liegt. Da ich etliche ehrenamtliche Ein­sät­ze im Bereich der Flüchtlingsarbeit habe und ungern ausufernd lange debattiere, bitte ich die potentiellen Kunden immer um die Ansage dessen, was bei ihnen die Schmerz­gren­ze nach oben ist.

Meistens klappt das ganz gut. Mit der Absage, die dann kam, hätte ich allerdings nicht gerechnet. Die Direktion ziehe es vor, dass Madame Englisch spricht. Die in Kulturkreisen lange gültige Regel "jede(r) in seiner/ihrer Sprache" wird langsam aber sicher abgeschafft. Gefällt mir gar nicht.

Dann noch eine "Trans-Ü"-Anfrage. Trans-Ü nenne ich Transkription mit gleich­zei­ti­ger Übersetzung, was ich mit einem Diktierprogramm erledige. So konnte ich in den letzten Jahren die fallenden Honorarsätze ausgleichen und meinen Stun­den­satz (nach Amortisierung der Software) beibehalten.

Zu dem, was ich jetzt lesen muss, fällt mir nichts mehr ein. Gar nichts mehr.

Ungelernte Menschen bekommen in Deutschland den Mindestlohn von 8,50 Euro die Stunde, dann kommen für den Arbeitgeber noch Sozialausgaben und Kosten für den Arbeitsplatz hinzu. Studierte Menschen sind für weniger zu haben. Wenn wir so rech­nen, wie es einem bei der Existenzgründung beigebracht wird, 50 % der Um­sät­ze entsprechen diesen eben erwähnten Nebenkosten, dann haben in Deutsch­land jetzt studierte Menschen bei 5,00 Euro die Stunde keine Problem damit, Ar­beit zu finden.

25.04.2016 Für unsere Doku DIE REISE (AT) suchen wir eine/n zuverlässige/n Übersetzer Französisch-Deutsch. Wir haben ca. 4h Material (Interview, Französisch) das gleich ins Deutsche transkribiert werden soll (tabellarisch, Timecodes IN, Text je ca. 10 Sekunden). Du bekommst 10,- Euro pro Arbeitsstunde und stellst uns eine Rechnung aus. [Name der Firma/Mail]
Crew United hat die Anzeige inzwischen deaktiviert
Im Mediensektor handelt es sich um ein systemisches Problem. Die Sender zweigen immer mehr Geld für Aufgaben ab, die nicht mit dem Programm zu tun haben, die "unabhängigen" Produktionsfirmen kämpfen großenteils ums Überleben. (Außer die Sendertöchter, was ein Teil des Problems ist.) Und wir haben in Deutschland glaube ich inzwischen 1000 Menschen, die vom Vergeben von Filmfördergeldern leben.

Auch in anderen Bereichen beobachte ich im Übersetzungs- und Dolmetschmarkt ähnliche Entwicklungen wie grundsätzlich in der Gesellschaft: Der mittlere Bereich bricht weg. Noch habe ich für die Berühmtheiten und Politiker gut zu tun, hier ver­die­ne ich mein Geld, und den Kontakt zur Wirklichkeit halte ich durch meine eh­ren­amt­li­chen Einsätze. Aber ich spüre, dass ich mich langsam fragen muss, was ich in den kommenden zwanzig Berufsjahren machen möchte.

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Illustration: Netzfund

Montag, 25. April 2016

Stellungnahme zum Masterplan

Hier be­grüßt Sie ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin, auf de­ren Sei­te Sie ge­­plant oder zu­­fäl­­lig ge­lan­det sind. Ob in Berlin, Paris, Schwerin oder Lille, ich mache überall das Glei­che: Ich dolmetsche und übersetze. Dabei sind Französisch oder Englisch die Aus­gangs­spra­chen, Deutsch oder Französisch die Zielsprachen.

Dem Vernehmen nach soll McKinsey für die Endfassung des Masterplans zur In­te­gra­tion von Flüchtlingen in Berlin roundabout 240 Tausend Euro bekommen haben. Also etwas weniger, so dass die Summe gerade nicht europaweit ausgeschrieben werden musste.

Statistics: A survey of available Wohnraum in Berlin and where, in which hands is it
Arbeitsphase: Anmerkungen
Ich gehe die Sache mal kurz als Übersetzerin an: Der Text um­fasst auf 76 Seiten ins­ge­samt 246.343 Zeichen in­klu­si­ve Leer­zeichen, geteilt durch 55 Anschläge er­gibt das 4479 Über­set­zer­norm­zei­len, beim Ge­samt­preis lie­gen die Kosten bei 53,17 Euro pro Über­set­zer­norm­zei­le oder 3131,58 Euro pro Seite. (Dabei hatte die Firma ehrenamtlich an­ge­fan­gen.)

Und im Grunde liegen die Zeilenpreise noch jenseits der 53,17 Euro, denn das Programm hat alle Zeilen- und Sei­ten­zah­len mit­ge­zählt. Zum Vergleich: Pro­fes­sio­nel­le Übersetzungen kosten um die 1,70 Euro bei mit­tle­rem Rechercheaufwand.

Dann schaue ich genauer hin. Als Steuerzahlerin, die lesen kann und sich mit der Materie auf der Basis von einem halben Tag die Woche beschäftigt, muss ich sagen, dass die zusammengestöppelten Ist-Berichte der einzelnen Verwaltungen plus et­li­cher Absichtserklärungen sowie die Zusammenfassung bestehender Programme und das Anreißen eventuell an­vi­sier­ba­rer Möglichkeiten diese Summe nicht im Ansatz rechtfertigen.

Hier die Anmerkungen und Kritikpunkte von Aktiven aus über 60 Initiativen, Ver­ei­nen und sonstigen Trägern, die in Berlin zumeist täglich mit dem Thema zu tun haben: Downloadlink.

Die Stellungnahme zum "Masterplan Integration und Sicherheit" der Stadt Berlin entstand in zweieinhalb Tagen, und es sind einige wichtige Punkte nicht auf­ge­nom­men worden, weil Kürze ein erklärtes Ziel war. Insgesamt kamen über 130 Men­schen zu Wort.

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Foto:

Sonntag, 24. April 2016

Das Atelier

Hallo, hello & bonjour. Was mich als Spracharbeiterin so umtreibt (und auch an­de­re Dol­met­scher und Über­set­zer für Französisch und andere Sprachen kennen), da­rü­ber schreibe ich hier regelmäßig. Auch zeige ich gerne meine Arbeitsplätze vor, dieses Mal liegen sie in Charlottenburg und Schöneberg, Sonntagsbilder!

Tag eins im Rathaus dol­met­schen, es geht um den "Mas­ter­plan Integration und Si­cher­heit" des Senats bzw. der Fir­ma McKinsey, Tag zwei am Protokoll mitschreiben, auch so geht Arbeit. Am zweiten Tag ge­ra­te ich mit Betreten eines "Ateliers" mitten in eine Dis­kus­sion. Wir werden auf den Raum verteilt und fangen an. Irgendwann fallen mir die Lampen auf.
Ich forsche nach einem hö­hen­ver­stell­ba­ren Stuhl. Später werden die ersten Bö­gen der "Mo­de­ra­tions­wän­de" ab­ge­hängt, jemand schiebt einen Besen durch den Raum, das restliche Papier wird ein­ge­rollt, wei­te­re Lam­pen rein­ge­tra­gen. Am En­de sind al­le zu­frie­­den. Plötz­lich ste­he ich in ei­nem Fo­to­stu­dio. Hat­te ich nicht ge­merkt. Sehr lus­tig.

Was drumherum noch geschah, traue ich mich kaum zu schreiben, denn es klingt zu erfunden. Hinter dem grauen Vorhang liegt nämlich ein kunstvoll dekorierter Therapieraum. Am Abend fand hier eine deutsch-arabisch verdolmetschte Ge­sprächs­run­de statt, an der ein Dutzend Menschen aus mindestens sechs Ländern teilgenommen haben, wir Protokollanten zwischendurch auch. Nach dem Ende al­ler Veranstaltungen wurden hinter einem anderen Vorhang Matratzen und Bettzeug hervorgeholt. Hier im Atelier schläft eine Flüchtlingsfamilie, so ähnlich wie in man­chem Theater ... weiterlesen: "Deutsches Theater nimmt Flüchtlinge auf".

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Fotos: C.E.

Mittwoch, 20. April 2016

Aufgelesen

Hier bloggt eine Spracharbeiterin. Was Dolmetscher für Französisch (und Über­­set­zer) möglicherweise so umtreibt, können Sie hier mitlesen. Ich arbeite in Paris, Berlin, Frankfurt, Lyon und dort, wo ich gebraucht werde.

Mein Zitat zum Text von gestern stammt von Camus: "Wer die Dinge beim falschen Namen nennt, trägt zum Unglück der Welt bei."

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Foto: entfällt

Dienstag, 19. April 2016

Sprache und Macht

Hallo, salut, hello! Hier bloggt eine Spracharbeiterin. Was mir aus meinem Leben in der Welt der Übersetzer und Dolmetscher für Französisch (und aus dem Eng­li­schen) auffällt, notiere ich hier.

Worte im Bild
Schreibfehler in der grafischen Umsetzung
Im hessischen Schulbuch eines bekannten Verlages für den Deutschunterricht der 5. Klas­se stand einst eine Ge­schich­te (und steht sie hoffentlich noch heute) von Peter Bich­sel: “Ein Tisch ist ein Tisch“. Auf einer meiner Kin­der­hör­spiel­cas­set­ten, die ich bei zahlreichen bronchialen Er­kran­kungen so oft gehört ha­be, dass ich alles mit­spre­chen konnte, hat dieser Peter Bich­sel seine Geschichte mit seinem gemütlichen Schwei­zer Akzent selbst vor­ge­tra­gen.

(Leider habe ich diese Tonaufnahme im Netz (noch) nicht wiedergefunden.)

Es geht um einen Mann, dem eines Tages einfällt, die Dinge mit anderen Begriffen zu belegen als jene, auf die sich die Allgemeinheit verständigt hat. Das geht eine Zeit lang so, es beschäftigt den Mann, bis er am Ende völlig vereinsamt ist, denn mit niemandem kann er sich mehr austauschen. Er hat sich in seinen verschobenen Begrifflichkeiten eingemauert.

Mich hat das Kind diese Geschichte fasziniert, denn sie geht von anderen Sprachen aus, die für die Bezeichnung ein- und denselben Gegenstands völlig andere Klänge nutzen.  Sie macht in wundervoller Weise die Willkürlichkeit der Laute und Regeln klar, auf die sich die verschiedenen Kulturen verständigt haben.

Jetzt gerade muss sich wieder an diese Geschichte denken, denn sie funktioniert auch in einem größeren Rahmen. Unser Vizekanzler reist nach Ägypten und nennt nach Gesprächen mit dem Präsidenten diesen einen „beeindruckenden“ Mann. Das ist ganz so, als wäre Al-Sisi nicht für Folter, Zensur und Polizeiwillkür bekannt. Denn eigentlich geht es diesem Vizekanzler nur darum, den Ägyptern Geld zu ge­ben, damit diese ihre Grenzen besser überwachen.

Die europäischen Länder haben ihre Grenzen an der Ostseite geschlossen, den Syrien nächstgelegenen Ländern, und es geschieht, womit alle gerechnet haben: Kriegs-, Klima- und Wirtschaftskriegsflüchtlinge brechen in Nussschalen auf die große Mittelmeerüberquerung auf, es kommt erneut zu mindestens 300 Toten, und Europa überlegt sich, wie da­rauf mit einer „Rettungsmission“ zu antworten sei. Reminder: In diesem Bereich des Mittelmeeres starben vor ziemlich genau einem Jahr 700 Flüchtlinge. Als Dol­met­sche­rin erinnere ich mich leider zu gut an Ge­sag­tes. Damals hieß es: So etwas darf nie wieder geschehen.

Echte Rettungsmissionen sehen anders aus. Die Berliner Luftbrücke war mal eine solche. Und wann werden die Regierenden die De-facto-Abschaffung des Asyl­rechts, eine der Lektionen aus dem 2. Weltkrieg, auch de jure abschaffen? Welchen Namen werden sie der Sache geben? Rettung des Hausfriedens?

Ein Fernsehmensch demonstriert etwas mit der Ansage à la Das, was jetzt folgt, darf nicht sein, es ist verboten, denn es ist keine Satire, die anderen Beiträge der Kollegen waren satirisch und sind von der Kunstfreiheit gedeckt. Und die ganze Welt re­agiert so, als hätte es diese Anmoderation nicht gegeben, die Medien über­schla­gen sich, das Thema wird tagelang auf höchster Regierungsebene verhandelt, die wirk­lich wesentlichen Punkte geraten aus dem Blickfeld.

Zum Beispiel scheint in Vergessenheit geraten zu sein, dass die Türkei in Syrien Kriegsteilnehmer ist, indirekt, sie hat strategische Interessen daran, dass Syrien keine Gaspipeline durch sein Land baut, denn damit würde Türkei etwas von sei­nem Alleinstellungsmerkmal verlieren, dass ihm regelmäßig Wegezoll einbringt; außerdem bekämpft die Türkei mit kriegerischen Mitteln ihre kurdische Minderheit im eigenen Land, während die Kurden auf der anderen Seite der Grenze  an der Niederschlagung Daeshs beteiligt sind.

Genau diese Türken werden nun zu unseren „Freunden“ und Geschäftspartnern, wenn sie Lager für syrische Geflüchtete bauen. Währenddessen sollen sie an der ebenfalls scharf überwachten türkischen Grenze auf syrische Flüchtlinge ge­schos­sen haben.

Dem Tisch sagte er Teppich. / Dem Stuhl sagte er Wecker. (Bichsel)

Die Begriffe „Europäische Werte“ und Menschenrechte hatten auf unserem Kon­ti­nent, von dem Menschen wie Stückgut außerhalb der Grenzen verschoben werden, mal einen guten Klang. Wenn das so weitergeht, muss die europäische Union ihren voreilig erhaltenen Friedensnobelpreis zurückgeben.

Weiter geht es auf Französisch mit George Orwell und Victor Klemperer, für mich beides alte Bekannte; ich freue mich, dass Klemperer jetzt auch in Frankreich be­kann­ter wird: www.cincivox.wordpress.com!



Vokabelnotiz
mettre les points sur les i (wörtlich: Die Is mit Punkten versehen)  – die Dinge beim Namen nennen
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Illustration: yowillnevergetme