Samstag, 19. April 2014

Bonjour

... und will­­kom­­men! Hier kön­­nen Sie (un­ter Wah­­rung dienst­­li­­cher Ge­­heim­­nis­­se) Ein­­blicke in mei­nen All­­tag er­­hal­­ten — und damit mehr über den Dolmetscher- und Übersetzerberuf erfahren. Ich biete an:

— bilaterales DOLMETSCHEN DE ⇆ FR und aus dem Englischen mit den Schwerpunkten Poli­tik, Wirtschaft, Soziales, Medien, Kino, Kul­tur­­wirt­­schaft, deutsch-französische Be­zie­hun­gen und Landeskunde, Architek­tur/In­nen­ar­chi­­tek­tur, Literatur, Geschichte Berlins und der DDR, Afrika (Wirtschaft und Soziales)
— KONFERENZDOLMETSCHEN
— auch BEGLEITDOLMETSCHEN für Ge­schäfts- und Privatleute, Set-Dolmetschen für VIPs
— ÜBERSETZUNGEN ins Deutsche, z.B. Dreh­buch, Förderantrag, Katalog, Korrespondenz

sowie

— Untertitel und Texten/Rewriting
— Erstellen und Lektorat von Audio­des­krip­tion­en sowie von Untertiteln für Hör­­geschädigte (in Zusammenarbeit mit einer langjährigen Regieassistentin)
 — Kommunikation/Recherche im weiteren Sinne


Hier, zu welchen Inhalten ich zuletzt aktiv war sowie noch einige Referenzen. Ich freue mich auf Ihre Anfrage!. .Tags: Konferenzdolmetscher, Dolmetscher, Berlin, Französisch, Deutsch, Simultandolmetschen, Synchron, Untertitel, Französisch, Deutsch, Englisch
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Foto: Friederike Elias

Dienstag, 15. April 2014

Wegweisen und Brüllen

Will­kom­men auf den Sei­ten des ersten Dol­met­scher­blogs Deutschlands aus dem In­ne­ren der Ka­bine. Hier schreibe ich über den Alltag von uns Sprachmittlern.

Immer öfter werden wir zwi­schen­durch für kurze In­ter­ven­tionen am Telefon angefragt. Das sogenannte "Te­le­fon­dol­met­schen" ist nicht ohne Tücken, denn meistens geht es um komplexe Themen. Wichtig ist ein Vorgespräch mit einer der Seiten, die gerne auch Do­ku­men­te senden darf.

Ausnahmen sind einfache Gespräche wie Hotelreservierungen oder etwas in dieser Preislage. Bei vielschichtigen Inhalten ist es wichtig, dass besagtes Vor­be­rei­tungs­ge­spräch früh genug stattfindet, hier war das am Freitag der Fall, damit un­ser­ei­­nem genug Zeit zum Einlesen in die Thematik bleibt. Heute stand dann ein Sorge­rechts­streit auf der Tagesordnung. Ich hatte mich gut eingelesen, auch die Fall­stricke und Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland studiert, eine klei­ne Vo­ka­bel­liste angelegt, und los ging's. Am Anfang brauchten wir einige Minuten, um den modus operandi zu klären. Bei normalem Dolmetschen legen wir großen Wert auf eine gute Sicht auf das Podium, weil wir einen Teil der Informationen von den Lippen ab­le­sen können. Bei Begleitdolmetschen, wenn alle in ein- und dem­sel­ben Raum sind, ist das noch einfacher.

Menschen nur zu hören ist also keine einfache Dolmetschvoraussetzung. Hier wur­de die Situation dadurch verschärft, dass die Stimmung emo­ti­o­nal hochgradig auf­ge­laden war. Die Gesprächspartner sind einander immer wieder ins Wort ge­fal­len, was bei einer einsprachigen Situation schon nicht schön ist, mir hier aber das Dol­metschen verunmöglicht hat. Etwa dreimal habe ich freundlich darauf hin­ge­wie­sen, dann musste ich lauter werden. Für uns auf Diplomatie geschulte Dol­met­scher ist das nicht einfach. Ich ließ also ein überaus gut vernehmbares: Please stop tal­king at the same time, I can't work under these conditions! los und erklärte er­neut von Anfang an meine Arbeitsweise. Dann ging's.

Das Gespräch dauerte anderthalb Stunden. Danach war ich wie durch die Mühle gedreht. Telefondolmetschen ist eine Notlösung. Dolmetschen ist bei normalen Konferenzsituationen schon so anstrengend, dass wir uns alle 20 bis 30 Minuten ablösen. Wer sein Oberstübchen überstrapaziert, riskiert bleibende Schäden, das wurde uns im Studium eingetrichtert.

Telefondolmetschen kommt mir bei komplexen Themen schwerer vor als das Dol­met­schen in der Kabine. Ich sehe die Sprechenden nicht. Das Nonverbale, das mir auch beim Übertragen hilft, fällt weg, außerdem fehlt die Ablösung, die hier im Grunde noch wichtiger wäre als sonst. Eine weitere Belastungsebene gab es hier leider: die Inhalte. Das Besprochene durfte ich nicht so stark an mich he­ran­kom­men lassen, denn es ging auch um Kindesmisshandlung und seelische Grausamkeit.

Noch etwas zum Preis: Es gibt im Netz viele dubiose Anbieter, die solche Dienst­leistungen für einsfuffzig die Minute, am besten mit Prepaidkarte, verticken. Ei­gent­lich gingen die Anbieter von einer raschen Sprachvermittlung z.B. für Fahrer von im Aus­land liegengebliebenen Autos aus, inzwischen wildern sie immer mehr auf dem "echten" Dolmetschmarkt. Von den 1,50 bekommt der Dolmetscher am Ende 45 Cent ausbezahlt; Zeit für Vorbereitung wird nicht honoriert. Das ist natürlich nicht der Preis, zu dem ein ernsthaft arbeitender Profi auch nur erwägt, tätig zu wer­den, dann sind wir lieber gleich kostenfrei für einen wohltätigen Zweck un­ter­wegs.

Für Privatkunden, die nicht auf Rosen gebettet sind, finden wir übrigens auch So­zialtarife, was nebenbei den nicht uncharmanten Vorteil hat, dass dann nicht |die Krake| |die fachfremde Dolmetschagentur, die auch Laminat verkaufen könnte| der nur an seinen Prozenten interessierte Dolmetschmakler gefüttert wird.

Das war ein anstrengender Arbeitstag. Zum Glück darf ich derzeit abends ins Kino und bei achtung berlin Publikumsgespräche moderieren. Das ist das kleine und feine Berlinfilmfestival, das ich seit bald zehn Jahren begleite.

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Illustration: Archiv

Montag, 14. April 2014

Aktuelle Themen IV

Welcome, bienvenue, hier bloggt eine Dolmetscherin und Übersetzerin über ihren Berufsalltag. Meine Sprachen sind Französisch (als Ausgangs- und Zielsprache) und Englisch (Ausgangssprache).

Heute lese ich weiter für den nächsten Berliner Bau­stel­len­be­such mit französischem Ei­gen­tümer. Die Franzosen sa­gen puits de lumière, also ein Licht­brunnen, die Deutschen nennen die innen mit Spiegeln ausgekleidete längere Röhre, durch die Tageslicht in einen Raum hineingeleitet wird, ei­nen Lichtkamin oder eine Licht­röh­re.

Der Bauleiter wird es sicher wieder Hohllichtleiter nennen, von Leiter zu Leiter, das klingt für mich wie Postwertzeichen (statt Briefmarke). Diese Oberlichter sind besonders effizient, wenn sie unten auch noch über eine Streuscheibe verfügen.

Zwischendurch ploppt noch die Mail einer indischen Agentur rein, die hän­de­rin­gend eine Übersetzerin Englisch-Deutsch sucht. Dummerweise tut sie dies für 0,30 Euro je Zeile, das sind ungefähr 1,60 Euro weniger, als die letzte technische Über­setzung, die über meinen Schreibtisch flatterte, wert war. Pikanterweise handelt es sich beim Dokument um ein Sicherheitshandbuch eines Kraftwerks. Werden so Unfälle programmiert?

Weitere Themen auf dem Schreibtisch:
— Europawahlen
— Restitution von Kulturgegenständen, die von Deutschen im besetzten Frankreich gestohlen wurden, was eine gründliche Provenienzforschung voraussetzt
— Kultur und Kino als Wirtschaftsfaktor
— Ökologisches, "grünes" Design vs. greenwashing
— Aktuelles Geschehen in Nordafrika
— zwei Arte-Produktionen, die wohl erst im 3. oder 4. Quartal konkret werden

Diese Themen beschäftigen mich im Hinblick auf Konferenzen, Dreharbeiten, Über­setzungen und interne Beratungen der Politik.

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Foto: C.E. (Archiv)


Sonntag, 13. April 2014

Historische Zeitgenossen

Bon­jour auf den Sei­ten mei­nes di­gi­ta­len Ar­beits­ta­ge­buchs aus der Welt der Spra­chen. Hier schreibe ich über meinen Alltag als Übersetzerin und Fran­zö­sisch­dol­met­scherin in Berlin, Paris, Cannes, München, Reims, Hamburg und dort, wo ich gebraucht werde. Sonntags werde ich privat. Heute wage ich den Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Eine Reihe von Damen und Herren in einem eleganten Salon im ausgehenden 19. Jahrhundert
Nos contemporains unsere Zeitgenossen (ohne Jahreszahl)
Meine Vorfahren waren Garn­händ­ler. Sie haben ihre über meh­re­re Gene­ra­ti­o­nen be­ste­hen­de Fir­ma zu einer Zeit aufgebaut, in der es längst eine Globalisierung gab, die al­ler­dings nur einige Ge­sell­schafts­schich­ten erreichte. Die wirt­schaft­li­chen Kontakte zu Part­ner­un­ter­neh­men im Ausland, vor allem in Frankreich, waren eng und entwickelten sich über die Jahre zu Freundschaften. In der alten Unternehmervilla gibt es bis heute Zeugnisse davon.

Diese Geschichte zu erzählen ist eine große Aufgabe. Es ist weit mehr als eine Samm­lung privater Anekdoten, sondern deutsche und europäische Wirt­schafts­ge­schich­te. Diese großbürgerliche Familie hat sogar in den Kriegen, angefangen beim Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 bis hin zum Ersten Weltkrieg, mit ihren sprach­li­chen und kulturellen Kompetenzen mehr Verbundenheit zu Menschen ihres Standes aus anderen Ländern verspürt als zu den "Eingeborenen" des Landstrichs, in dem sie lebte. Mit vielen Dokumenten und Zeitzeugenschaften der Nach­ge­bo­ren­en ließe sie sich erzählen. Welches Mittel soll ich wählen? Welches Mittel kann ich wählen? Viele Fotos, aber auch Dinge wie Kontorbücher und kleinere Ein­rich­tungs­ge­gen­stände aus dem Büro sind bis heute vorhanden.

Einige Bürogegenstände, u.a. einen Papiersammler aus Holz für Umschläge und Kar­ten oder den Zeitungshalter für die Wand, nutze ich bis heute. Geerbt habe ich auch den französischen Bücherschrank. Die Ahnen reisten oft auch in die französische Haupt­stadt; mit dem Baedeker von der Jahrhundertwende ließ ich mich in den 1980-er Jahren zu Sonntagsausflügen in meiner Studienstadt Paris inspirieren. Die Randnotizen ihrer Bücher, oft auf Französisch, erreichen mich bis heute. Denn eines Tages die französischen Romane im Original lesen zu können, war ein we­sent­li­cher Ansporn für das Lernen. Heute handele ich nicht mit Garnen, sondern mit Wörtern, fühle mich aber in direkter Linie mit diesen Ahnen verbunden.

Alter Zeitungssammler mit Theater heute-Ausgabe, Covegirl ist Sophie Rois, darin abegedruckt: "Die Unvermeidlichen" von K. Röggla
Präsentiert: Publikation mit Stück über Dolmetscher
In der Heimatstadt dieser Familie wird der fürstlichen Vergangenheit des Schlosses gedacht, es gibt in den Sammlungen der Stadt Zeugnisse zu Kunst und Kunst­hand­werk der Region, aber die Geschichte der Tex­til­in­dustrie, die mit dem Ende der DDR zu Ende war, ist kaum dokumentiert, die Geschichte dieser frühen, groß­bür­ger­li­chen Globalisierung gar nicht.
Ob meine Generation es schafft, diese Ge­schich­te zu erzählen und eine Stiftung zu gründen, die das Erbe museal auf­be­rei­tet und es für die nächsten Generationen erlebbar macht? (Und wir werden Zu­stif­ter brauchen. Wie finden wir diese?)

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Fotos: Archiv

Freitag, 11. April 2014

MwSt/TVA

Bonjour und willkommen! Hier bloggt eine Spracharbeiterin. Französisch in Berlin, Deutsch in Frankreich, das sind regelmäßige Reiseanlässe für mich. Heute starte ich eine neue Rubrik: Made in France.

Aus UNO wird ONU, aus WTO wird OMT, oft drehen sich bei der Reise von Ab­kür­zun­gen aus dem Englischen ins Französischen nur die Reihenfolge der Buchstaben um (inklusive einzelner Zeichen wie das W/M für world/monde). Die Sache ist so lange einfach, wie wir in Deutschland englische Begriffe verwenden.

TVA = VAT
Noch ein Beispiel: VAT und TVA, das Englische value added tax wird auf Fran­zö­sisch TVA, taxe sur la valeur ajoutée. Da wir auf Deutsch mit "Mehrwertsteuer" einen grunddeutschen Begriff ver­wen­den, funktioniert hier der Trick nicht.

MwSt = TVA gehört mit zu den Begriffsdoppeln, die unsereiner einst pauken durfte. Gestern vor 60 Jahren hat Frankreich mit der Erfindung dieser Konsumsteuer ein Modell zur einfachen Be­steuerung seiner Bürger eingeführt. Dieses Modell wurde schnell zur Erfolgsgeschichte à la française: Heute gibt es diese Steuerart nicht nur in ganz Europa, 150 Staaten der Welt haben sie eingeführt.

Davor wurden in Frankreich Herstellung, Verkauf und Gewinn jeweils einzeln be­steu­ert, wogegen etliche kleine Einzelhändler in den frühen 1950-er Jahren auf­be­gehr­ten. Denn daneben gab es weitere produktspezifische Besteuerungen, die durch das einfache Prinzip der Verbrauchssteuer vereinheitlicht wurden. Schon in der Zeit der französischen Revolution wurden Salz, Tabak und Alkohol besteuert. Die Idee, nur den jeweils entstehenden Wertzuwachs zu besteuern, war damals revolutionär.

Erst 1958 wurde die Steuer auf alle Güter und Dienstleistungen ausgeweitet. Mit Inkrafttreten der Römischen Verträge am 11.04.1967 trat auch ein Absatz in Kraft, der die Einführung dieser Steuerart in allen Mitgliedsstaaten der entstehenden Eu­ropäischen Gemeinschaft mit der Begründung vorsah, einen Wettbewerb in der Besteuerung von Verbrauchsgütern innerhalb der Staaten zu vermeiden.

Mit dem, was wir heute wissen, klingt der Satz sehr weise. Zugleich wird die Mehr­wert­steuer bis heute von vielen Menschen als ungerecht empfunden, wird sie doch von allen gezahlt. Menschen mit höheren Einkommen entrichten einen ge­rin­gen Pro­zent­satz bezogen auf diese Einkünfte als Menschen mit kleinen und kleinsten monatlichen Einnahmen, denn bei den Letztgenannten bleibt am Monatsende we­nig oder gar nichts übrig, das gespart werden könnte.
 
In Frankreich gelten übrigens vier Mehrwertsteuersätze. Noch. Es kann sein, dass der neue Premierminister Ma­nu­el Valls, der die derzeitige Krise dazu nutzt, etliche alte Strukturen zu reformieren und zu ver­ein­fachen, auch hier ansetzen wird.

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Illustrationen: Schreibmaschine,
Ministère de l'Économie et des Finances

Donnerstag, 10. April 2014

Kopfgeschehen

Gu­ten Tag oder Abend auf den Sei­ten des ersten deut­schen Web­logs aus dem In­ne­ren der Dol­met­scher­ka­bi­ne. Hier schreibt ei­ne Fran­­sisch­dol­metscherin über Ber­lin, Paris, Cannes und anderswo. Heute: Blick in den Kopf.

Der Moment, in dem ein winziger Wasserstrahl zum Tropfen wird
Moment, der sich der Wahrnehmung entzieht
Dass das körpereigene Oberstübchen mal heiß­läuft, kennt wohl jeder. Wir Dol­met­scher merken es bei der Arbeit immer wie­der: verschiedene Hirnareale sind enorm strapaziert, ein Wärmegefühl entsteht, der Kopf träumt in Bruchteilen von Sekunden sein Gegenprogramm.

Dolmetschen ist geistiger Hoch­leistungs­sport. Damit keine dauerhaften Schäden an den neu­ro­na­len Schaltungen entstehen, wechseln wir uns in der Kabine alle 20 bis 30 Minuten ab. Einsätze als Solo-Dol­met­scher­in, z.B. beim Aushandeln eines Vertrages in einer Be­gleit­dol­metsch­si­tuation, können schon mal län­ger dauern. Hier freut sich das Hirn über jede noch so kurze Pause.

Aber auch im einsprachigen Alltag sind die entsprechenden Areale der grauen Mas­se von Sprachmittlern aktiver als bei einsprachigen Menschen. Mir fällt es immer auf, wenn ich an ein zurückliegendes Gespräch denke und überlegen muss, in wel­cher Sprache es geführt wurde. Manchmal erinnere ich mich über die tatsachliche Sprache hinaus an Satzkonstruktionen oder Wortwahl zum betreffenden Thema, die allerdings zum anderen Idiom gehören. Wie kann das sein?

Wenn sich Mehrsprachige äußern, feuern offenbar nicht nur die Neu­ro­nen, die zur ak­tu­el­len Inhaltsproduktion gehören. Dieses "Feuern" begleitet ein Suchen nach Ent­spre­chungen in der/den anderen Sprache(n). Das erscheint mir ziemlich lo­gisch. Ich weiß nicht, ob Ihnen das schon aufgefallen ist: Wenn wir Menschen ein Wort suchen oder sein Synonym, weil wir es ele­gan­ter ausdrücken möchten, schwin­gen mögliche Ersatzbegriffe beim Sprechen immer leise mit.

Da ich mein Dolmetscherhirn manchmal Sekundenbruchteile lang beobachte, es ist wie mit dem Kürzestschlaf, von dem ich eingangs sprach, habe ich das schon oft erlebt. (Im Normalfall reflektiere ich beim Dolmetschen tunlichst nicht, was ich da gerade mache, es würde den gesamten Prozess torpedieren.) Und so flackern hier nicht nur Synonyme auf, sondern ich spüre geradezu physisch die anderssprachigen Vokabeln mitschwingen.

Regenmäßiges, in Stein gemeißeltes Labyrinth
So sieht das Gehirn nicht aus
Für das Dolmetscherhirn scheinen die verschiedenen Termini aus den un­ter­schied­li­chen Idiomen also nur so etwas wie gleichbedeutende Begriffe zu sein. Trotzdem vermische ich im Alltag nur sehr selten meine Sprachen. Damit ich mich verständlich machen kann, gibt es irgendwo im Kopf ein Wissen darum, zu welcher Sprache welches Wort schluss­end­lich gehört.

Diese Sprachen sind im Normalfall von­ein­an­der getrennt, die Trennung fühlt sich an wie eine Mauer.

Im Dolmetschprozess habe ich gelernt und in jahrelanger Praxis geübt, dieses Trenn­ele­ment durchlässiger  zu machen. Ich sehe/spüre die Idiome und ihre gram­ma­tikalischen Strukturen und Ein­zig­ar­tig­keiten parallel und lasse zu, dass sie gleich­zeitig vorhanden sind. Den parallel mitlaufenden Strom in der anderen Spra­che greife ich nun auf, hole ihn ins Bewusstsein, kontrolliere ihn vor und beim Sprechen und gleiche ihn mit dem anderen Sprachstrom ab.

Denn wir Dolmetscher hören nicht nur dem zu, was verdolmetscht werden soll, wir hören uns auch selbst zu. Die Qualitätskontrolle des Outputs bringt uns, sofern mög­­lich und nötig, zum Reagieren, Ergänzen oder Korrigieren. (A propos Korrektur: Neulich sagte ein Redner im mündlichen Vortrag aus Versehen das Gegenteil des­sen, was im Konzept stand und was auch logisch war. Ich habe zunächst den Fehler mitübersetzt, ihn dann korrigiert und den Satz "... muss es wohl heißen" nach­ge­scho­ben. Das erwies sich später als richtig und wichtig. In der an­schlie­ßen­den Dis­kus­sion fußten die ersten drei Fragen auf diesem Versprecher.)

Zum ersten Mal habe ich den hier doppelten Sprachstrom mit 14 Lenzen gespürt. Ich saß am Esstisch im Haus meiner Eltern, sah aus dem Fenster und dachte:

Il pleut. Zu dieser zweisilbigen Beschreibung kam unvermittelt noch ein "-net" hinzu, "Il pleut-net" also. Was war geschehen? Das da:

Il pleut. (‿ ‿)
Es regnet. (‿ ‿ ‿)

Davon ist damals mein Oberstübchen natürlich noch nicht heißgelaufen. Aber ich hatte eine leise Vorahnung von dem, was kommen sollte.

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Fotos: C.E. (Archiv)

Mittwoch, 9. April 2014

H­allo! Hier bloggt eine Sprach­arbei­ter­in. Was Fran­zö­sisch­dol­met­scher und -über­setzer umtreibt, wenn ihre Arbeitsschwer­punk­te Wirtschaft, Politik, Soziales und Kultur sind, lesen sie hier. Da­ne­ben arbeite ich auch mit der eng­li­schen Spra­che. Diese Woche: Definitorisches.

Giselle Chaumien, eine Übersetzerkollegin, schrieb diese Woche über den Un­ter­schied zwischen Übersetzen und Dolmetschen. Ich durfte ihr ein wenig helfen und Zitate zuliefern. Was ist also Dolmetschen?

Versteckt in der Kabine
Dolmetschen ist die nahezu zeitgleiche Übertragung ge­sprochener Sprache in ein anderes Idiom. Wir Dol­met­scher sind Sprachjongleure und wirbeln dabei nicht nur mit Sprachen umher, sondern auch mit Ideen und An­spie­lun­gen. Dazu müssen wir neben den Sprachen auch die kul­tu­rel­len Unterschiede kennen.

In der Regel haben wir lange studiert, verfügen oft selbst einen biografischen Hin­ter­grund, der diese Kenntnisse mit sich gebracht hat, und müssen ausdauernd, stress­re­sistent und uneitel sein, denn wir bleiben stets im Hintergrund.

Dolmetschen findet in Echtzeit statt, oft in der Kabine, gelegentlich auch vor Ort in diversen Hinterzimmern der Politik, unterwegs bei Delegationsreisen oder im Rundfunk. Eine besondere Art des Dolmetschens ist das Bühnendolmetschen, zum Beispiel bei Literatur- und Filmfestivals. Hierfür bietet es sich an, eine gesonderte Sprechausbildung und sogar Schauspielunterricht zu nehmen, denn der/die Sprach­mitt­ler/in muss neben den geschulten Stimmen der schauspielenden und mo­de­rie­renden Zunft bestehen.

Dazu gilt es, die natürliche Angst vor dem Rampenlicht zu überwinden. Das Gros der Dolmetscher empfindet das als zusätzliche Belastung und fühlt sich im Dunkel der Kabine sicherer.

Anders als Übersetzer, die auf der Basis von Texten und in ihrem eigenen Rhythmus arbeiten können, haben Dolmetscher nur in Ausnahmefällen die Zeit und die Mög­lich­keit, fehlende Begriffe nachzuschlagen. Hier kommt der/die Teampartner/in ins Spiel. Dolmetschen ist sehr anstrengend, weshalb wir uns etwa alle 20 bis 30 Minuten abwechseln. Jeweils "pausierende" Dolmetscher können manchmal pa­ral­lel noch Begriffe nachschlagen, die überraschend auftreten, oder Termini no­tie­ren, die im Rahmen der Veranstaltung verwendet werden und die mög­li­cher­wei­se nicht im Vorbereitungsmaterial vorgekommen sind.

Dolmetschen für Radio Eins (Knut Elstermann)
Das von meiner Über­setzer­kol­le­gin Giselle aus­ge­wähl­te Zi­tat: "Dol­metscher helfen dort bei der Ver­stän­di­gung, wo Menschen keine ge­mein­sa­me Sprache haben. Wir müs­sen neben den Sprachen viele weitere Dinge wissen und kön­nen. Wenn am Ende alle sagen: 'Es war ja ganz so, als hätten wir direkt mit­ein­an­der kommuniziert', war die Arbeit wohl gut."

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Foto Kabine: Marco Urban — Fotojournalist
Foto Radio: Petra Hippler

Dienstag, 8. April 2014

Unterschiede

Willkommen, bienvenue, welcome! Sie lesen in einem elektronischen Ar­beits­ta­ge­buch einer Sprachmittlerin. Ich übersetze und dolmetsche in Berlin, Paris und dort, wo ich gebraucht werde.

Dolmetschtechnik (Kopfhörer und Empfänger) vor einer Pressekonferenz, dahinter Anzugträgerinnen und -trägerAlltag im Büro: Das Telefon klingelt, ein Anrufer fragt, ob er mit einer Dolmetscherin verbunden ist. Hierauf folgt mein Ja. Dann spricht der Mensch am anderen Ende der Leitung weiter: "Ich habe hier ein Dokument, das dringend übersetzt werden müsste."
Und schon wieder hat jemand die Berufe Übersetzer und Dolmetscher verwechselt.

Dokumente übersetze ich nur in extremen Ausnahmefällen, denn ich bin keine amt­lich bestellte Übersetzerin. Um die Verwirrung zu erhöhen: Ich bin durchaus Übersetzerin, aber mit dem Schwerpunkt Drehbücher, Berichte aus der So­zi­al­wis­sen­schaft, politische Hintergründe, Filmfinanzierungsdossiers und derlei. Für Ge­burts­ur­kun­den und Scheidungsurteile fehlen mir die Geduld — und der Be­glau­bi­gungs­stempel.

Wie dem auch sei, die schriftliche Übertragung eines Textes heißt übersetzen, die mündliche Übertragung wird dolmetschen genannt. Das wissen die wenigsten Menschen. Eine französische Kollegin, die in Süddeutschland lebt, hat neulich in einer kleinen, nicht repräsentativen Straßenumfrage erschütternde Ergebnisse zutage gefördert: Von 63 zufällig ausgewählten Passanten konnten nur drei den Unterschied benennen.

Bei der Benennung dieser Unterschiede durfte ich ihr ein wenig behilflich sein. Hier entlang zum Artikel von Giselle Chaumien auf www.Ruesterweg.de.
Vielen Dank für diese Recherche!

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Foto: C.E. (Archiv)